Ausgabe 1/2015

Die Behandlung gemeinsam mit dem Arzt festlegen?

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Professor Dr. Christoph Kleinschnitz

Mehr Selbstbestimmung bei der Therapie – dieses neue Konzept in der MS-Behandlung bietet den Patienten Chancen, fordert sie aber auch. Was sich hinsichtlich der Kommunikation zwischen Arzt und Patient ändert,  erläutert Professor Dr. Christoph Kleinschnitz in einem Interview. Professor Kleinschnitz ist als Facharzt für Neurologie geschäftsführender Oberarzt der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Würzburg.

MS persönlich:
Herr Professor Kleinschnitz, inwieweit können MS-Patienten tatsächlich mitbestimmen, wie die Multiple Sklerose in ihrem individuellen Fall behandelt werden sollte?

Prof. Kleinschnitz:
Selbstverständlich muss sich die Behandlung der MS an der im individuellen Fall vorliegenden medizinischen Situation orientieren. Es hat jedoch in jüngster Zeit deutliche Behandlungsfortschritte gegeben und wir verfügen im Vergleich zu früher über erweiterte Therapiemöglichkeiten. Damit können wir die Behandlung besser als zuvor auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zuschneiden. Das gibt uns zugleich die Möglichkeit, mit dem  Patienten gemeinsam zu eruieren, welche Therapiestrategie für ihn persönlich optimal ist.

MS persönlich:
Wird das schon praktiziert?

Prof. Kleinschnitz:
Wir erleben bereits seit Jahren einen Wandel in der Kommunikation und im Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Anders als früher werden Therapieentscheidungen immer seltener nach dem paternalistischen Prinzip vom Arzt alleine gefällt. Vielmehr werden die Patienten zunehmend einbezogen, anstehende Entscheidungen zur Diagnostik und Therapie werden von Arzt und Patient gemeinsam getroffen. Man bezeichnet das auch mit dem Begriff des „Shared Decision Making“.

MS persönlich:
Welche Vorteile hat das?

Prof. Kleinschnitz:
Ein Patient, der gut versteht, warum er eine bestimmte Behandlung bekommt und der in gewissen Grenzen mitentscheiden kann, wie die Therapie konkret erfolgt, hat es leichter, die Behandlung langfristig durchhalten zu können, also wie wir sagen „therapietreu“ zu sein. Doch nur, wenn die notwendigen Medikamente tatsächlich zuverlässig eingenommen werden, können sie auch ihre Wirkung entfalten. Nur dann aber wird‚ auf lange Sicht eine optimale Behandlung der MS gewährleistet.

MS persönlich:
Wie können sich die Patienten in diesen Prozess einbringen?

Prof. Kleinschnitz:
Die Mitentscheidung bei Diagnostik und Therapie setzt voraus, dass der Patient gut über seine Erkrankung informiert ist und zum Beispiel den Nutzen und die potenziellen Risiken bestimmter Maßnahmen kennt. Das setzt ein gutes Aufklärungsgespräch von Seiten des Arztes voraus. Allerdings müssen die Patienten dem Arzt auch Bescheid geben, wenn sie etwas nicht völlig verstanden haben oder wenn sie zum Beispiel hinsichtlich einer Entscheidung unsicher sind oder sogar Bedenken haben. Es ist wichtig, beim Arzt nachzufragen, wenn man weitere Informationen braucht. Außerdem ist es hilfreich, den Partner oder einen nahen Angehörigen zum ärztlichen Gespräch mitzunehmen, so dass das Für und Wider einer Maßnahme anschließend auch mit einem Außenstehenden diskutiert werden kann.

MS persönlich:
Gilt das neue Konzept der Mitbestimmung für alle Menschen mit MS?

Prof. Kleinschnitz:
Nein, keinesfalls. Die aktive Rolle des mitbestimmenden Patienten ist nicht jedermanns Sache und keinesfalls ein Muss. Deshalb sollte man seinem Arzt durchaus offen signalisieren, wenn man sich lieber auf sein Arzturteil verlässt und nicht in die Therapieentscheidung einbezogen werden möchte. Damit sind übrigens keinerlei Nachteile verbunden. Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass es sehr viele Patienten explizit begrüßen, wenn sie selbst Einfluss auf die Therapiegestaltung nehmen können.

MS persönlich:
Was kann man als MS-Betroffener generell tun, um Einfluss auf den Krankheitsverlauf zu nehmen?

Prof. Kleinschnitz:
In aller Regel geht man als Patient mit MS eine Art Behandlungsvertrag mit seinem Arzt ein. Es ist wichtig, dass man sich an die Vereinbarungen hält, die Medikamente regelmäßig einnimmt und Termine zu Kontrolluntersuchungen wahrnimmt. Sollte dies, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich sein, so sollte man seinen Arzt unbedingt darüber informieren. Man sollte dem behandelnden Arzt darüber hinaus auch mitteilen, wenn man weitere, alternative oder wie man heutzutage sagt, komplementäre Behandlungsverfahren anwendet. Davon abgesehen kann man selbstverständlich hinsichtlich der Lebensführung vieles tun, um sich insgesamt gesund zu erhalten. Günstig ist eine ausgewogene gesunde Ernährung und sehr wichtig ist regelmäßige körperliche Aktivität.

MS persönlich:
Was halten Sie von Yoga bei MS, wie es in dieser Ausgabe von MS persönlich vorgestellt
wird?

Prof. Kleinschnitz:
Prinzipiell ist Menschen mit MS jede Sportart möglich, allerdings ist es bei allen sportlichen Betätigungen wichtig, angepasst an die individuellen Möglichkeiten und an potenzielle
Behinderungen zu trainieren. Das gilt auch für Yoga, die Übungen müssen für die Patienten
gut durchzuühren sein. Dann ist Yoga bei der MS durchaus positiv zu bewerten.
Die Übungen können dazu beitragen, das Körpergefühl zu stärken und die Beweglichkeit
zu verbessern.

MS persönlich:
Herr Professor Kleinschnitz, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Tipps für eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung finden Sie auch beim MS-Begleiter.

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