Ausgabe 1/2015

Mein Leben: nicht unbedingt schlechter!

 Kathleen I.

Kathleen I.

Die Diagnose Multiple Sklerose ist ein Schock. Wie man sich aus diesem Schock  befreien und zu einem Leben mit guter Lebensqualität zurückfinden kann,  berichtet Kathleen I. aus Berlin.

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chwierigkeiten beim Gehen und Kribbeln in den Beinen – das waren die Symptome, die bei  Kathleen I. im Jahr 2003 zur Diagnose MS führten.
„Ohne diese Diagnose zu kennen, kam ich zunächst ins Krankenhaus und wurde mit Kortison behandelt“, erzählt die 49-Jährige. „Es wurde eine Lumbalpunktion vorgenommen, danach stand die MS als Ursache meiner Beschwerden fest“.

Multiple Sklerose? Ein Schock!

„Es drängte sich mir sofort das Bild eines Lebens im Rollstuhl auf“, sagt die Frau. „Heute weiß ich, dass diese Sorge weitgehend unberechtigt war und wir Menschen mit MS längst nicht so krank sind, wie uns oft suggeriert wird“.
Es war jedoch ein langer Weg bis zu dieser Erkenntnis und zunächst hatte die MS-Betroffene noch einige Hürden auf diesem Weg zu bewältigen. Denn parallel zu der MS wurde per Zufall ein Hirntumor bei ihr festgestellt. Der Tumor war gutartig, musste jedoch operativ entfernt werden. Nicht nur gesundheitlich, auch familiär lief nicht mehr alles in gewohnten Bahnen. Den Belastungen durch die Erkrankung, dem damit verbundenen Stress, den Ängsten und Sorgen hielt die Ehe von Kathleen I. nicht stand und es kam zur Trennung.
„Ich habe mich damals hilflos gefühlt, war nicht mehr ich selbst und habe praktisch nur tatenlos im Sessel gesessen und aus dem Fenster gestarrt“, berichtet die Frau.

„Ich bin eigentlich ein  grundoptimistischer Mensch“

„Wäre nicht meine Tochter gewesen, die mit ihren 14 Jahren noch versorgt werden musste, so wäre ich morgens wohl nicht einmal mehr aus dem Bett aufgestanden“. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Schock überwinden konnte. Doch Frau I. rappelte sich auf, suchte nach Informationen über die Erkrankung, recherchierte im Internet und stieß immer wieder auf „Horrorgeschichten von Menschen im Rollstuhl“. All diese Berichte aber passten nicht zu der grundsätzlichen Lebenseinstellung der Frau: „Ich bin eigentlich ein grundoptimistischer Mensch“, erzählt sie. Peu à peu kämpfte sich Kathleen I. ins normale Lebens zurück.
Sie nahm ihren Job in der familieneigenen Möbeltischlerei wieder auf und bekam trotz
weiterer MS-Schübe nach und nach ihre Ängste in den Griff: „Lange habe ich gedacht, bei der MS wache man eines Morgens auf und könne nicht mehr gehen. Es hat Jahre gedauert, bis ich endlich realisiert habe, dass die Erkrankung so nicht verlaufen wird“, so Frau I.
„Danach sind meine Ängste spürbar weniger geworden“, sagt sie.

Aktiv gegen körperliche Einschränkungen

Als Mitgeschäftsführerin der Tischlerei war die aktive Frau beruflich zwangsläufig mehr engagiert als ihr lieb war und beschloss, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Sie verkleinerte den elterlichen Betrieb erheblich, beantragte ihre Rente und entdeckte den Sport für sich. Gab es zuvor bestenfalls den „Bauch-Beine-Po“-Kurs, so stand nun der Sport hoch im Kurs: „Früher hätte ich ein Fitness-Studio nicht betreten. Und in der ersten Phase meiner Erkrankung kam mir dies auch nicht in den Sinn. Denn ich hatte die Vorstellung, dass nur gesunde Menschen in einem solchen Studio trainieren“. Um dennoch körperlich fitter zu werden, begann die MS-Betroffene ein Nordic Walking allein im Wald. Da ihr dies jedoch wenig Spaß machte, stand irgendwann doch der Gang ins Fitness-Studio an: „Das Training dort hat mir sehr viel gebracht, es ging mir körperlich sehr gut und ich habe gemerkt, dass ich weit mehr leisten kann als ich zuvor angenommen  hatte“, sagt Frau I., die sich daraufhin entschloss, per Fernstudium noch eine Ausbildung zum Fitness- und Wellness-Trainer zu machen. Vor allem Pilates hat es ihr angetan, so dass sie eine weitere Ausbildung absolvierte und inzwischen Pilateskurse für Menschen mit MS in einem Berliner Sportverein anbietet. Die  Einschränkungen, die mit der MS verbunden sind, hat Kathleen I. gut im Griff, woran nach ihrer Ansicht wohl auch die sportliche Betätigung einen wesentlichen Anteil haben dürfte. „Ich kann daher nur jedem Menschen mit Multipler Sklerose raten, körperlich aktiv zu sein, die eigenen Ressourcen zu nutzen und entsprechend zu trainieren“, rät die Frau, die sich nach eigenem Bekunden in ihrem Körper rundum wohl fühlt und ein Leben mit ausgesprochen guter Lebensqualität führt.

„Vom Bauch-Beine-Po-Kurs zur Pilates-Trainerin“

„Mein Leben ist durch die MS anders geworden, doch nicht unbedingt schlechter“, berichtet sie. Denn mit dem Sport gab es auch neue Kontakte, neue Freunde und Bekannte, ein neues soziales Leben. Welche Sportart man als MS-Betroffener wählt, ist aus ihrer Sicht ohne Belang:
„Wichtig ist vielmehr, dass man sich regelmäßig bewegt, dass die Sportart den individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten angepasst ist und dass sie vor allem Spaß macht.“

Beitragsbild: © Rock and Wasp – stock.adobe.com