Interview

Erfolgsrezept - wenig Routine

Prof. Dr. Penner über Gehirntraining

Viele Menschen mit Multipler Sklerose merken, dass sie im Laufe der Zeit öfter einmal etwas vergessen, dass sie sich nicht mehr so gut wie früher konzentrieren können und offenbar ihr Gehirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie gewohnt. Das sollte nicht Ängste schüren, dement zu werden. Denn es handelt sich in erster Linie um eine Verlangsamung der Denkprozesse. Was sich dagegen tun lässt, erläutert Professor Dr. Iris-Katharina Penner aus Düsseldorf.

Professor Dr. phil. Dipl. Psych. Iris-Katharina Penner



Professor Dr. phil. Dipl. Psych. Iris-Katharina Penner

Professor Penner ist Diplom-Psychologin und Neurowissenschaftlerin. Sie hat im Jahr 2015 in Düsseldorf das Zentrum COGITO am Life Science Center gegründet. Daneben ist sie in Lehre und Forschung an der Neurologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig.

 

 

MS PERSÖNLICH: Frau Professor Penner, muss man als MS-Betroffener damit rechnen, Defizite seiner geistigen Leistungsfähigkeit zu entwickeln?

PROF. PENNER: Leider ist es tatsächlich so, dass etwa jeder zweite Mensch mit einer Multiplen Sklerose im Verlauf der Erkrankung Probleme mit seinen kognitiven Fähigkeiten entwickelt. Warum es etwa jeden zweiten trifft und die anderen nicht, wissen wir nicht. Es lässt sich auch nicht vorhersagen, wer konkret Probleme entwickeln wird.

Welche Veränderungen treten auf? 

PROF. PENNER: Die Veränderungen vollziehen sich ganz langsam, peu à peu und unspektakulär. Viele Patienten berichten, dass ihnen anfangs öfter einmal ein bestimmtes Wort auf der Zunge gelegen hat, aber nicht eingefallen ist, ein Phänomen, das wir wohl alle kennen. Es zeigt sich bei Menschen mit MS häufiger als normal. Die Betroffenen geben zudem an, dass ihnen irgendwann aufgefallen ist, dass sie vergesslicher geworden sind, sich vieles nicht mehr so gut wie früher merken können und dass sie sich nicht mehr so gut konzentrieren können. Ein typisches Zeichen ist auch, dass sie nicht mehr wie ehemals zum sogenannten Multitasking fähig sind, dass sie also nicht mehr verschiedene Dinge gleichzeitig erledigen können, wie sie es seinerzeit gewohnt waren.

Müssen Menschen mit MS, die solche Veränderungen an sich bemerken, Angst haben, dement zu werden?

PROF. PENNER: Nein. Bei der Multiplen Sklerose kommt es wie bei gesunden Menschen zu einem langsamen Abbau des Hirnvolumens, wobei dieser Prozess allerdings gegenüber Gesunden beschleunigt abläuft. Eine Demenz entwickelt sich jedoch ganz anders und stellt ein fortschreitendes eigenständiges Krankheitsbild dar, bei dem Gedächtnisstörungen im Vordergrund stehen. Bei der Multiplen Sklerose kommt es hingegen zu einer Verlangsamung der Denkprozesse, was auch die Schwierigkeiten beim Multitasking erklärt.

Kann man die Entwicklung kognitiver Defizite bei der MS aufhalten?

PROF. PENNER: Wenn die Veränderungen eingesetzt haben, kann man das wohl nicht mehr rückgängig machen. Aber wir sind fest davon überzeugt, dass man durch entsprechende Übungsprogramme das Fortschreiten der Störung aufhalten kann. Je mehr sich die Betreffenden geistig betätigen, umso eher kann es ihnen gelingen, weiteren kognitiven Defiziten entgegenzuwirken. 


„Kognitiven Defiziten lässt sich entgegenwirken.“ 
 

Lässt sich dem Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit vorbeugen? 

PROF. PENNER: Es gilt bei dieser Frage das gleiche: Wer stets geistig rege ist, sich für seine Umgebung interessiert, einen anregenden Beruf hat, viel liest und sportlich aktiv ist – am besten mit Sportarten, die wie zum Beispiel das Tanzen auch koordinative Fähigkeiten verlangen – hat gute Chancen, nicht oder zumindest weniger betroffen zu sein als andere, die ein eher träges Leben führen. Es gibt Befunde, dass sich durch ein regelmäßiges geistiges und auch durch ein regelmäßiges körperliches Training der Entwicklung kognitiver Defizite bei der MS vorbeugen lässt.

Hilft das Kreuzworträtsellösen?

PROF. PENNER: Leider nicht wirklich, weil man nach einer gewissen Zeit so viel Routine darin hat, dass man nur noch bereits Bekanntes abruft. Effektiver ist es, dass man sich immer wieder in Situationen begibt, in denen man sich richtig konzentrieren muss, zum Beispiel in dem man immer wieder einmal in einem anderen Supermarkt einkaufen geht, wo man die Waren regelrecht noch suchen muss. Denn wenig Routine zu haben, das ist das Erfolgsrezept für unser Gehirn und eine anhaltende geistige Regsamkeit. 

„Es ist fürs Gehirn gut, öfter einmal eingespielte Routinen zu durchbrechen.“ 

Wie steht es mit dem Einfluss der medikamentösen Therapie?

PROF. PENNER: Die beruhigende Nachricht ist, dass die Medikamente zur Behandlung der MS die geistige Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigen. Ganz generell gehen wir zudem davon aus, dass die kognitiven Veränderungen positiv beeinflusst werden, wenn die MS durch die Medikamente gut eingestellt ist, es möglichst nicht mehr zu Krankheitsschüben kommt und keine Krankheitsaktivität mehr erkennbar ist.

Frau Professor Penner, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.