Interview

Antriebslos - ist ein gestörter Schlaf schuld?

Dr. Christian Schenk über mögliche Ursachen

So mancher MS Patient klagt darüber, schlecht zu schlafen und glaubt, sich deshalb tagsüber so häufig erschöpft zu fühlen. Doch auch mit mehr Schlaf ist der Fatigue zumeist nicht beizukommen. Wann Schlafstörungen genauer untersucht werden müssen, wie sie die Fatigue beeinflussen und was man gegen die unselige Allianz zwischen gestörtem Schlaf und Erschöpfung am Tage tun kann, erklärt Dr. Christoph Schenk aus Osnabrück in einem Interview.

Dr. med. Christoph Schenk, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie sowie Psychotherapeutische Medizin

 


Dr. med. Christoph Schenk

Dr. med. Christoph Schenk ist niedergelassener Facharzt für Neurologie, Psychiatrie sowie Psychotherapeutische Medizin und verfügt als Leiter des ambulanten Schlafzentrums in Osnabrück über langjährige Erfahrung im Bereich der Schlafmedizin.

„Erlaubt ist alles, was Spaß macht.“

MS PERSÖNLICH: Herr Dr. Schenk, wann liegt eine ernst zu nehmende Schlafstörung vor?

DR. SCHENK: Sehr viele Menschen geben an, oft schlecht zu schlafen. Eine schlechte Nachtruhe ist aber in aller Regel kein Problem, wenn die Schlafstörung nur kurze Zeit besteht und wenn man sich tagsüber trotzdem einigermaßen fit fühlt. Hält eine Schlafstörung jedoch länger als sechs Wochen an und fühlt sich der Betreffende dadurch tagsüber beeinträchtigt, so sollte sie durch einen Arzt abgeklärt und behandelt werden. Denn hinter einem gestörten Schlaf können sich gravierende Krankheitsbilder verbergen wie beispielsweise eine sogenannte Schlaf-Apnoe, also das häufige Stocken des Atems während der Nacht, das vom Schläfer selbst gar nicht bemerkt wird.

MS PERSÖNLICH:  Ist dann eine Untersuchung im Schlaflabor erforderlich?

DR. SCHENK: Eine Untersuchung im Schlaflabor ist nur notwendig, wenn man den Ursachen des gestörten Schlafs anders nicht auf den Grund gehen kann. Im Allgemeinen erfolgt zunächst eine Untersuchung beim Arzt, in der schon so manche Ursache dingfest gemacht oder aber ausgeschlossen werden kann. Außerdem kann der Schlaf auch zu Hause mit mobilen Geräten überwacht werden. Bringt das nicht die Lösung des Problems, so ist allerdings eine Schlafüberwachung im Schlaflabor angezeigt.

MS PERSÖNLICH: Warum klagen so viele MS Patienten über Schlafstörungen? 

DR. SCHENK: Es gibt mehrere Gründe, warum Menschen mit MS oft schlecht schlafen. Häufig stören zum Beispiel Schmerzen den Schlaf. Außerdem können Depressionen eine Ursache sein. Wir haben in einer eigenen Untersuchung im Schlaflabor bei 340 Patienten ferner nachweisen können, dass bei etwa 60 Prozent der MS Patienten mit Schlafstörung unruhige Beine, also ein sogenanntes Restless-Legs-Syndrom, die Ursache sind. Das zeigt, wie wichtig eine gezielte Untersuchung ist. Denn das Restless-Legs-Syndrom lässt sich meist gut mit Medikamenten behandeln.

MS PERSÖNLICH: Was kann man davon abgesehen für einen erholsamen Schlaf tun?

DR. SCHENK: Wir leben in einer oftmals hektischen Zeit und meinen häufig, immer leistungsbereit und leistungsfähig sein zu müssen. Das fördert nicht unbedingt eine gute Nachtruhe. Man sollte sich deshalb – egal ob man unter einer MS leidet oder nicht – öfter einmal auf die schönen Dinge im Leben besinnen, das Loslassen und das Genießen wieder lernen und auch einmal das Nichtstun bedingungslos annehmen.

MS PERSÖNLICH: Lässt sich über den Schlaf auch die Fatigue beeinflussen?

DR. SCHENK: Es versteht sich von selbst, dass Menschen, die regelmäßig zu wenig oder schlecht schlafen, sich tagsüber müde und erschöpft fühlen. Das hat aber wenig mit der bei vielen MS Patienten auftretenden Fatigue zu tun. Denn mit mehr Schlaf lässt sich das Problem dieser Patienten meist nicht lösen. Wichtig ist wie bei der Schlafstörung auch bei der Fatigue die Abklärung der Ursachen. Nicht selten geht die Erschöpfung zum Beispiel mit einer depressiven Verstimmung einher. Es ist in solchen Fällen eine gezielte Behandlung wichtig, zum Beispiel in Form einer Lichttherapie oder gegebenenfalls auch durch antriebsfördernde Medikamente. Wir raten den betroffenen Patienten deshalb im Allgemeinen nicht, mehr zu schlafen. Wir empfehlen ihnen im Gegenteil, körperlich aktiv zu sein und das am besten draußen an der frischen Luft und wenn möglich in der Sonne. Das bessert meist die Stimmung und hilft auf lange Sicht, die Antriebsschwäche zu überwinden und wieder ein besseres Körpergefühl zu erlangen.

„Man sollte sich öfter einmal auf die schönen Dinge im Leben besinnen.“

MS PERSÖNLICH: Welche Sportarten empfehlen Sie MS Patienten?

DR. SCHENK: Es ist eigentlich gleichgültig, für welche Form der Aktivität sich der Patient entscheidet. Erlaubt ist alles, was ihm Spaß macht, Hauptsache er bewegt sich regelmäßig. Hilfreich ist es, wenn sportliche Aktivitäten gemeinsam mit anderen betrieben werden, also zum Beispiel Wandern oder wenn möglich Nordic Walking in einer kleinen Gruppe oder ein Tanzkurs mit dem Partner. Dann wird man auch von außen aufgefordert, das Gefühl der Erschöpfung und die Antriebsschwäche zu überwinden. Nach der Bewegung fühlt man sich oft körperlich und auch geistig sehr viel besser. Neben der körperlichen Betätigung ist übrigens auch ein geistiges Training sinnvoll und hilfreich, um der Fatigue gegenzusteuern.

MS PERSÖNLICH: Herr Dr. Schenk, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

/sites/default/files/article-pdf/pdf_leben-mit-ms-antriebslos.pdf