Interview

Experteninterview Sven Reisgies - Gesundheitspädagoge

Langfristig die Mobilität erhalten

Wer aktiv ist und bleibt, hat mehr vom Leben. Was man selbst dazu tun kann, aktiv und mobil zu bleiben, erläutert Gesundheitspädagoge Steve Reisgies aus Köln.

Gesundheitspädagoge Sven Reisgies

 

Steve Reisgies, Gesundheitspädagoge & Coach
Funktionelles Training für Rehabilitation und Prävention sowie die physiopädagogische Arbeit sind die Tätigkeitsschwerpunkte von Steve Reisgies. Der staatlich geprüfte Gymnastiklehrer arbeitet als Gesundheitspädagoge in Köln. Er ist als Personal Trainer tätig und engagiert sich in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt von Steve Reisgies ist die Ernährungsberatung.

 

MS PERSÖNLICH: Herr Reisgies, wie kann man selbst dazu beitragen, der Entwicklung von Behinderungen entgegenzuwirken? 

REISGIES: Diese Frage hat zwei Aspekte: Zum einen ist es wichtig, dass die Multiple Sklerose optimal behandelt wird, dass also die Krankheitsaktivität möglichst komplett zurückgedrängt wird. Von der medizinischen Behandlung abgesehen kann man durch regelmäßige körperliche Aktivität und gezielte Übungen sehr viel dazu beitragen, mobil zu bleiben. 

Worauf ist dabei zu achten? 

REISGIES: Das Wichtigste ist, sich nicht der Krankheit zu ergeben und zu meinen, man könne nichts an der Situation ändern. Menschen, die per se sportlich aktiv sind, sollten dies unbedingt trotz der Erkrankung beibehalten. Es wäre jedoch gut, sich beispielsweise im Rahmen einer krankengymnastischen Behandlung über konkrete Übungen zum Erhalt der Mobilität zu informieren. Schwieriger ist es für Menschen, die bis dato nicht an sportliche Aktivitäten gewöhnt sind. Sie sollten sich klarmachen, wie wichtig regelmäßige Bewegung ist und mit einem Bewegungsprogramm beginnen. Das geht sehr gut in einem Sportverein oder allgemein in einer Sportgruppe. 

Warum ist Bewegung so wichtig? 

REISGIES: Für Menschen mit MS ist das körperliche Training besonders wichtig. Denn durch eine Stärkung der Muskulatur und Übungen zur Koordination und zur Beweglichkeit bleiben die Alltagsfähigkeiten besser erhalten und sich eventuell entwickelnde Defizite können besser kompensiert werden. 

Heißt das, dass Menschen mit MS unbedingt Sport treiben sollten? 

REISGIES: Nein, es geht keineswegs um sportliche Höchstleistungen und es muss auch nicht quasi ein „Tagespensum abgearbeitet“ werden. Wir raten aber durchaus zu einem Ausdauertraining und auch zu einem gezielten Krafttraining, um die Muskulatur zu stärken. Außerdem ist es wichtig, ganz allgemein in Bewegung zu bleiben. Das hat nicht primär mit der Erkrankung zu tun, sondern ist auch jedem Gesunden zu raten. Es kommt weniger auf die Intensität der Bewegung als mehr auf die Regelmäßigkeit an. Mit gezielten Übungen können zudem die Beweglichkeit und die Koordinationsfähigkeit trainiert werden. 

Wie ist das möglich? 

REISGIES: Es ist zum Beispiel eine gute Übung, beim Zähneputzen regelmäßig auf einem Bein zu stehen – mal auf dem rechten und mal auf dem linken Bein – oder auch auf den Zehenspitzen soweit möglich. Das übt die Balance und auch die Muskulatur. Auch ist es sinnvoll, als Rechtshänder einfach einmal zu versuchen, die alltäglichen Verrichtungen mit links zu erledigen und umgekehrt. Auch das kann helfen, wenn es beispielsweise im Rahmen eines akuten Schubs einmal zu einseitig auftretenden Defiziten kommt. Und es macht im Alltag generell Sinn, die Treppe statt der Rolltreppe und des Fahrstuhls zu nutzen und kurze Besorgungen statt mit dem PKW zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen. Übrigens tut die Bewegung nicht nur der Muskulatur und der Beweglichkeit gut. Wer regelmäßig körperlich aktiv ist, bleibt in aller Regel agil, hat weniger Probleme mit anderen häufigen Begleitsymptomen wie der Fatigue oder auch einer eher depressiven Stimmungslage und gewinnt damit enorm an Lebensqualität.

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