Leben mit MS

„Give me a new mind“

Von Stjepan, Ehemann der Einblick-Bloggerin Sabine*

Es war ein Schock als im August 2011 die Diagnose Multiple Sklerose bei meiner heutigen Frau gestellt wurde. Die Welt war plötzlich eine andere. Mit 25 Jahren zu merken, wie schnell etwas vorbei sein kann. Wir fühlten uns mit Anfang 20 unbesiegbar. Aber nach der Diagnose merkte ich, wie schnell sich innerhalb von Sekunden die Welt um 180 Grad drehen kann.

Bildquelle: MissTuni / Getty Images / privat

In der ersten Sekunde war ich innerlich gebrochen und zugleich hab ich gemerkt, wie wertvoll jede Minute des Lebens ist. Es ist eine unglaubliche Bereicherung, zu merken, dass man hier und jetzt lebt – und nicht irgendwann in der Zukunft. Die Kalenderweisheit „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deine Träume“ traf es auf den Punkt. Ja, vielleicht sitzt meine Frau in fünf Jahren im Rollstuhl, vielleicht werde ich aber auch in zwei Tagen von einem Auto überfahren. Man sollte im Moment sein. Und nicht im Moment einer theoretischen Zukunft voller Fragezeichen.

Unsere Beziehung nach der Diagnose

 Insbesondere die ersten Jahre waren von Fatigue geprägt und von körperlichen Schwächen. Bines Batterie war recht schnell leer. Jedoch hatte ich das Gefühl, dass je mehr Symptome Bine hatte, ich umso stärker wurde. Irgendwie absurd, denn es wurde eigentlich immer anstrengender – und ich wurde immer gelassener. Einige Beziehungen scheitern angeblich wegen der MS. Ich glaube nicht, dass es an der MS liegt. Die MS führt dich dazu, zu erkennen, wie weit du bereit bist, für deinen Partner zu gehen. Und ich für mich habe gemerkt, dass ich über diese Frage gar nicht nachdenken muss und es für mich selbstverständlich ist, bis zum Schluss diesen Weg zu gehen. Und dann hält auch so eine Beziehung. Alle anderen Beziehungen wären ab einem gewissen Zeitpunkt sowieso gescheitert oder hätten sich vielleicht zu einer Vernunftbeziehung entwickelt.

Aus den Augen, aus dem Sinn

 Bine hat nun aktuell seit Längerem keine sichtbaren Symptome mehr. Dadurch vergesse ich auch häufig, dass meine Partnerin MS hat. Momentan fällt mir alle zwei Monate mal ein: „Ach ja, meine Frau hat ja MS.“ Wie wahrscheinlich bei vielen anderen Menschen ist es auch bei mir so: Aus den Augen, aus dem Sinn! Deswegen fällt die MS aktuell im Alltag gar nicht auf.

Ach ja, meine Frau hat ja MS

Dass die MS insbesondere seelisch nicht mehr auffällt, ist aber erst seit einem Jahr so. Durch Meditation und Ayurveda hat sich die seelische Einstellung meiner Frau um 180 Grad ins Positive gedreht. Sie geht mit der Krankheit anders um, sie gibt der Krankheit nicht die große Bedeutung, die ihr Leben ins Negative driften lässt. Sie ist seitdem wesentlich glücklicher, teilweise beängstigend glücklich – wobei ich mich manchmal frage, was wohl alles in dem Tee, den sie sich macht, drinne ist… Früher war ich der „Happy“-Part in unserer Beziehung. Das hat sich geändert. Jetzt falle ich plötzlich eher negativ auf.

Entscheidend ist dein „State of Mind“

Festhalten kann ich aus dieser Erfahrung, dass – ob als Angehöriger oder als Betroffener und egal in welchem Status der MS-Krankheit – der entscheidende Punkt mit der Krankheit umzugehen der eigene „State of Mind“ ist, also deine persönliche Einstellung dazu.

Man sollte im Moment sein. Und nicht im Moment einer theoretischen Zukunft voller Fragezeichen

Ich finde, dass sich sowohl Betroffene als auch Angehörige aus der „Hätte-“ und „Was-wäre-wenn“- Spirale lösen sollten. Es ist angenehmer, die Situation so zu akzeptieren, wie sie nun einmal (manchmal unveränderbar) ist. Stattdessen sollte man lieber seine Einstellung zur Situation und zum Leben ändern. Ich meine damit nicht, sich mit Dingen abzufinden, sondern wirklich seinen „State of Mind“ zu ändern.

Viele Menschen malen sich schon im Jugendalter ihre komplette Zukunft im Kopf aus. Und wenn dann auf diesem langen Weg etwas dazwischenkommt, wie zum Beispiel die MS, dann scheint es eine Katastrophe zu sein, denn es läuft nicht nach Plan. Und davon wird man ein seelisches Wrack.

Der „State of Mind“, also die eigene Geisteshaltung, ist der entscheidende Faktor bei allen Dingen im Leben. Aber besonders bei der MS kann dieser in meiner Erfahrung Wunder bewirken.

* Einblick – der MS persönlich Blog einblick.ms-persoenlich.de
Hier bloggen Betroffene und Angehörige zu monatlich wechselnden Themen über ihre Erlebnisse.

Apropos

Einblick – das Blogger-Projekt von MS persönlich

Im Blogger-Projekt von MS persönlich berichten Betroffene und deren Angehörige aus ihrem Alltag. Sie geben hilfreiche Tipps, machen Mut und erzählen in authentischen Geschichten von ihrem Leben mit MS.

Einmal im Monat werden neue Beiträge in Text-, Audio- und Videoformat veröffentlicht. Dabei steht jeden Monat ein neues Thema im Mittelpunkt. Die Themen reichen von der Neudiagnose, über das Leben mit den sichtbaren und unsichtbaren Symptomen, über Lust und Frust, Ernährung und Extreme bis hin zu Eltern sein und Eltern werden mit MS. Schau doch mal vorbei und lies, wie Menschen mit MS ihren Alltag bestreiten:

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Einblick - das Blogger Projekt von MS persönlich
Bildquelle: Sanofi Genzyme

 

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