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Carpe diem

Geh achtsam mir Dir und Deiner Gesundheit um

Sich der Hektik des Alltags bewusst zu entziehen, dem Termindruck zu widerstehen, also quasi zu „entschleunigen“ – wer würde sich das in der heutigen Zeit nicht immer wieder einmal wünschen? Für Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose ist es besonders wichtig, achtsam mit sich selbst und mit seiner Gesundheit umzugehen, sich Herausforderungen, die an uns gestellt werden, auch einmal zu widersetzen und dem Leben mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Das hört sich schwierig an – doch Achtsamkeit mit sich selbst kann man lernen. Fang am besten gleich damit an – die beste Zeit ist jetzt!

Bildquelle: Westend61/Getty Images

Achtsam zu sein, lernen wir schon in der Kindheit. So haben unsere Eltern uns Vorsicht beim Überqueren der Straße beigebracht und wohl jeder kennt den Volksspruch „Messer, Gabel, Schere, Licht …“.

Achtsam mit sich selbst umzugehen, ist wichtig für Menschen mit Multipler Sklerose

Doch wir sind nicht darin trainiert worden, das Smartphone öfter einmal für eine gewisse Zeit aus der Hand zu legen, bewusst „nein“ zu sagen, wenn Wünsche und Anforderungen an uns herangetragen werden und mal fünf gerade sein zu lassen, wenn der Alltag an unseren Kräften zehrt. Das rächt sich, wenn die Leistungskraft einge­schränkt ist – sei es in besonders belastenden Lebenssituationen wie beispielsweise bei einem akuten Schub der Multiplen Sklerose oder ganz allgemein mit zunehmenden Lebensjahren.

Nicht die eigenen Wünsche hinten anstellen

Statt auf uns und unsere Bedürfnisse zu hören, sind wir es gewohnt, auf die Bedürfnisse anderer zu achten. Wir wollen im Beruf „unseren Mann“ stehen, die Familie optimal versorgen, uns Zeit für die Kinder nehmen, die hilfsbedürftigen Eltern unterstützen und wenn nötig sogar pflegen. Zu oft bleibt dabei das „Ich“ auf der Strecke, eigene Wünsche werden hinten angestellt, die Kraftressourcen werden im Alltag aufgerieben.

Die Gefahr ist groß, dass in einer solchen Situa­tion negative Gedanken und Ängste vor der Zukunft überhand nehmen, dass die Krankheit als zusätzliche Last und als Gefahr erlebt wird und die Lebensqualität auf der Strecke bleibt. „Doch achtsam mit sich selbst umzugehen, ist wichtig für Menschen mit Multipler Sklerose“, sagt Kathrin Betzinger, MS-Schwester und Studien-Nurse in einer MS-Schwerpunktpraxis im bayerischen Bogen.

Auf die To-do-Liste setzen: „Carpe Diem“

Aber viele Patienten müssen es nach ihrer Erfah­rung erst wieder lernen, ihre Prioritäten im Leben neu zu setzen und sich selbst wieder mehr in den Mittelpunkt des Erlebens zu rücken. Dabei geht es, so Betzinger, auch darum, das „Carpe Diem“ quasi auf die „To-do-Liste“ zu setzen, jeden Tag bewusst zu leben und sich am Leben zu erfreuen. „Genau das aber sind viele Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr gewohnt“, so die Erfah­rungen der MS Nurse. Das kann zur Überlastung führen und stressbeding­tes Fehlverhalten – von einer ungesunden Ernäh­rung bis zum Rauchen – fördern. Stress kann außerdem direkt die Hirnaktivität beeinflussen und bei der MS den Krankheitsverlauf ungünstig modulieren und sogar das Auftreten von Behin­derungen forcieren1.

Nicht in Watte packen – aktiv sein

Das bedeutet keineswegs, sich in Watte zu packen und sich nichts mehr zuzumuten. Im Gegenteil: „Dank der Fortschritte bei der Behandlung ist es vielen Patienten möglich, weitgehend unbeein­trächtigt von der MS zu leben“, sagt Dr. Ulrich Kausch, Praxis für Neurologie und Psychiatrie in Bogen/Bayern. Es gilt, weiterhin ein aktives Leben zu führen, dabei jedoch Grenzen, die die Krankheit vorgibt, zu respektieren.

Es gilt, weiterhin ein aktives Leben zu führen und dabei seine Grenzen zu respektieren

Für Menschen mit MS sollte es demnach selbst­verständlich sein, sich über die Erkrankung gut zu informieren, um die Hintergründe zu verstehen und die Notwendigkeit einer konsequenten Behandlung zu akzeptieren. Zur Achtsamkeit mit sich selbst gehört aber auch, die regelmäßigen Kontrolluntersuchungen beim Arzt wahrzuneh­men und offen mit dem Arzt zu sprechen, wenn die Therapie nicht zufriedenstellend „anschlägt“ oder die Handhabung des verordneten Arznei­mittels im Alltag Schwierigkeiten bereitet.

Behandlung entsprechend den individuellen Bedürfnissen

„Wir haben inzwischen ein breites Sortiment an möglichen Therapieoptionen und können auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten besser denn je eingehen“, erklärt Dr. Kausch. Das gewählte Behandlungs­regime muss nach seinen Worten zum individuel­len Patienten und seiner Krankheitsaktivität passen. Ist das der Fall, so wird der Betreffende mit der Behandlung zufrie­den sein und das ist, so Kausch, „eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass der Patient die Behand­lung wie verordnet durchführt und dass sich der erwartete Therapieerfolg tatsächlich einstellt“.

In einigen Fällen ist es dann sogar möglich, bereits aufgetretene Behinderungen wieder zurückzubilden. Gelingt dies nicht, so sollte der Betreffende laut Kausch lernen, die Behinderung als Grenze in seinem Alltag zu akzeptieren: „Man sollte nicht immer wieder krampfhaft versuchen, die Grenze zu überwinden“. Denn das führt in aller Regel zu Frustrationen und kann Verzweif­lung und Depressionen Vorschub leisten.

Das Leben tagtäglich genießen

Schafft man es jedoch, die Behinderung zu akzeptieren, so gibt es im Allgemeinen gute Möglichkeiten, das Leben trotz der Einschrän­kung aktiv zu gestalten und zu genießen. An einer chronischen Erkrankung wie der MS zu leiden, kann dabei durchaus auch eine Chance zur Änderung seiner Einstellung zum Leben sein, meint Dr. Kausch: „Es gibt Patienten, die vor dem Hintergrund der Erkrankung lernen, ihr Leben wieder bewusster wahrzunehmen, ihrem Alltag eine Wendung zu geben, ihn zu entschleu­nigen und wieder mehr schöne Dinge im Leben zu finden“. Patienten, die dies schaffen, berichten laut den Erfahrungen des Neurologen nach nur kurzer Zeit davon, ihr Leben mit mehr Lebens­qualität zu führen.

Quelle: 1. Weygandt M et al., Proc. Natl. Acad. Sci 2016; 113 (47): 13444-13449

aproposGute Vorsätze und die häufigsten Ausreden

Gute Vorsätze haben wir alle und jeder weiß, was daraus meist wird. Denn es ist schwer, sein gewohntes Verhalten zu ändern. Meist findet sich eine gute Ausrede. Hier ein paar Beispiele, die dem einen oder anderen vielleicht vertraut vor­kommen:

„Zu viel zu tun”

Vorsatz: Es wäre toll, einfach mal eine halbe Stunde nichts zu tun – gar nichts!

Ausrede: Langeweile ist nicht mein Ding und überhaupt habe ich im Moment zu viel um die Ohren.

„Meine Diät beginnt morgen”

Vorsatz: Ich sollte mich gesünder ernähren und etwas abnehmen.

Ausrede: Heute haben wir Gäste zum Essen, da muss etwas „Anständiges” auf den Tisch. Morgen sind wir mit Freunden beim Tennisspielen und danach geht’s zum Italiener. Aber übermorgen fange ich an…

„Keine Zeit”

Vorsatz: Ich müsste dringend mehr Sport treiben.

Ausrede: Im Moment sind andere Dinge in meinem Leben wichtiger. Ich habe echt zu wenig Zeit.

„Heute nicht”

Vorsatz: Ich sollte den Schrank im Esszimmer unbedingt aufräumen.

Ausrede: Morgen ist auch noch ein Tag – heute ist das Bügeln wichtiger.

„Schlechtes Wetter”

Vorsatz: Ein Spaziergang an der frischen Luft täte mir heute gut.

Ausrede: Das Wetter ist wirklich zu schlecht. Ich warte, bis die Sonne wieder scheint.

„Zu umständlich”

Vorsatz: Die Anzeige des Fitness­centers sieht verlockend aus und dort kann man auch in der Gruppe trainieren.

Ausrede: Das Studio ist zu weit weg und umständlich zu erreichen. Und wer weiß, ob mir das wirklich Spaß macht. Ich denke mal darü­ber nach.

Wer gar nicht erst versucht, seine Vorsätze in die Tat umzusetzen, wird nicht erfahren, wie gut es sich anfühlt, sich fitter nach nur ein paar Stunden Sport zu fühlen, ein paar Kilo weniger mit sich herum­zutragen, die Natur bei einem Spaziergang zu genießen und/oder den Akku beim Chillen auf dem Sofa wieder aufzuladen. Da hilft es nur, kurzerhand einmal den inneren Schweinehund zu über­winden – die beste Zeit ist jetzt!

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