Interview

„Ein weitgehend normales Leben führen“

Ziel der Therapie ist das vollständige Fehlen von Krankheitsaktivität

Die Multiple Sklerose beruht auf einer Fehlregulierung des Im-munsystems. Die Immunzellenrichten sich dabei gegen die Myelin- umhüllung der Nervenzellen. Es ist somit folgerichtig, mit der Behandlung auf die gestörte Immunregulation abzuzielen und diese möglichst zu korrigieren. Was in dieser Hinsicht von den modernen Strate-gien der MS-Behandlung erwartet werden kann, erklärt Professor Dr. Dr. Sven Meuth vom Universitätsklinikum Münster in einem Interview.

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MS persönlich: Herr Professor Meuth, inwiefern gibt es Fortschritte bei der Behandlung der Multiplen Sklerose?

PROF. MEUTH: Es hat in den vergangenen Jahren ganz erhebliche Fortschritte bei der Therapie der MS gegeben. Vor etwa 20 Jahren hatten wir kaum Möglichkeiten, an der Wurzel der Krank-heitsprozesse anzugreifen. Wir konnten lediglich antientzündlich behandeln und damit die Häufig-keit akuter Krankheitsschübe mindern. Dank der Entwicklung verschiedener neuer Arzneimittel gelingt es heutzutage, regulierend in das Immun-system einzugreifen. Wir sprechen bei den Medi-kamenten daher auch von Immunmodulatoren. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, nicht nur die Schubhäufigkeit, sondern insgesamt die Krank-heitsaktivität massiv zurückzudrängen und damit auch der Entwicklung von Behinderungen effek-tiv entgegenzuwirken.

MS persönlich: Was ist damit das Ziel der modernen MS-Therapie?

PROF. MEUTH: Ziel ist es, dass der Patient völlig frei von Krankheitsaktivität ist. Dann kann man davon ausgehen, dass keine zusätzliche Schädi-gung der Nervenzellen auftritt und damit auch keine weitere Behinderung.

MS persönlich: Ist dieses Ziel realistisch?

PROF. MEUTH: Ja, wir haben Medikamente mit unterschiedlichen Wirkansätzen und können somit auf die individuelle Situation der Patienten eingehen. Wir unterscheiden heutzutage nicht mehr in eine Basis- und eine Eskalationstherapie, sondern behandeln die Patienten entsprechend der individuellen Krankheitsaktivität. Wichtig dabei ist, dass die Wirkstoffe so eingesetzt werden, dass praktisch keine aktive Entzündung mehr besteht.

MS persönlich: Wie ist vorzugehen, wenn man Zweifel hat, ob man eine solche Behandlung bekommt?

PROF. MEUTH: Wenn es zum Beispiel trotz der Behandlung immer wieder zu akuten Krankheitsschüben kommt oder man aus anderen Gründen Zweifel an der Behandlung entwickelt, kann man einen weiteren Neurologen zu Rate ziehen, also eine sogenannte Zweitmeinung einholen. Man kann dies offen mit seinem behandelnden Neurologen besprechen, der das in aller Regel verstehen und sogar befürworten wird. Es kann in diesem Zusammenhang auch sinnvoll sein, sich einmal mit der Erkrankung in einem MS-Kompetenzzentrum vorzustellen.

MS persönlich: Was dürfen Patienten von einer effektiven Therapie erwarten?

PROF. MEUTH: Wir können die MS bislang leider nicht heilen. Aber viele Erkrankte können heutzutage ein praktisch ganz normales Leben führen. Sie sind in ihrem Alltag kaum eingeschränkt, können reisen und sind auch in der Lage, ihren beruflichen Verpflichtungen weiter nachzukommen. Sie sind zudem frei in ihrer Familienplanung, sollten dieses Thema allerdings frühzeitig mit ihrem Arzt besprechen, damit der Zeitpunkt einer Schwangerschaft gut geplant werden kann.

» Wir haben bereits eine gute Strecke auf dem Weg zur Heilung der MS zurückgelegt … «

MS persönlich: Inwieweit wird durch die Behandlung eine Neuorganisation des Immunsystems möglich?

PROF. MEUTH: Es gibt Immunmodulatoren, die korrigierend in die Krankheitsprozesse eingreifen, so dass die Erkrankung zum Stillstand kommt und eine weitere Behandlung nicht erforderlich ist. Leider gelingt das noch nicht 100-prozentig und zudem nicht bei allen Patienten. Es gibt damit weiterhin Bedarf zu forschen und auch weitere neue Therapieansätze zu entwickeln. Wir haben bereits eine gute Strecke auf dem Weg zur Heilung der MS zurückgelegt, sind aber leider noch nicht am Ziel angekommen.

MS persönlich: Was muss konkret getan werden?

PROF. MEUTH: Wir brauchen weitere Grundlagenforschung, um die Hintergründe der Erkrankung noch besser zu verstehen. Und wir müssen an der Entwicklung weiterer Wirkstoffe und auch neuer Behandlungsstrategien wie etwa der Kombination von verschiedenen Immunmodulatoren arbeiten. Davon abgesehen müssen wir uns darüber klar werden, inwieweit wir bereit sind, auch Risiken für eine noch effektivere Behandlung in Kauf zu nehmen. Denn es gibt keine Therapie, die zuverlässig und hocheffektiv wirksam ist, ohne dass ein Nebenwirkungsrisiko besteht. Der Nutzen und die Risiken einer Behandlung müssen deshalb in jedem Einzelfall sorgfältig erörtert und gegeneinander abgewogen werden. Wir müssen zudem daran arbeiten, neuartige Wirkstoffe zu entwickeln, mit denen sich das Nervengewebe noch besser vor einer Schädigung schützen lässt und sogar eine Regeneration bereits eingetretener Schäden möglich wird. Dann hätten wir gute Chancen, die Erkrankung zum Stillstand zu bringen und möglicherweise sogar zu heilen.

Herr Professor Meuth, haben Sie vielen Dank für das Interview.

Professor Dr. Dr. Sven Meuth ist stellvertretender Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Münster und Direktor des Instituts für Translationale Neurologie. Ziel des Instituts ist die Übertragung von aktuellen Ergebnissen der Grundlagenforschung in neue effektive Behandlungsstrategien
Bildquelle: Professor Dr. Dr. Sven Meuth




Zur Person:
Professor Dr. Dr. Sven Meuth ist stellvertretender Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum
Münster und Direktor des Instituts für Translationale Neurologie. Ziel des Instituts ist die Übertragung von aktuellen Ergebnissen der Grundlagenforschung in neue effektive Behandlungsstrategien.

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