Leben mit MS

Sexualität und MS – Tabus brechen

Über Sex schreiben, das ist fast so, wie über Sex zu reden. „Es bedetet, für die eigenen Bedürfnis­se, Wünsche und Ängste die richtigen Worte, aber vor allem auch den Mut und das Vertrauen zu finden, so angenomen zu werden, wie man es sich halt wünscht“, schreibt Einblick-Bloggerin Heike Führ. Dass Sexualität bei MS ein Thema ist, bei dem noch Tabus zu brechen sind, zeigen Euch Blogger-Beiträge zu diesem Thema unter einblick.ms-persoenlich.de/thema-des-monat/sexualitaet-bei-ms.

Bildquelle: Napadon Srisawang / Getty Images

„In jenen Momenten, in denen wir Sex haben, also dann, wenn wir ohne unseren äußeren Kleidungsschutzschild dastehen, sind wir sehr verletzlich. Wenn dann noch bei einer Erkran¬kung wie Multipler Sklerose die innere Schutz¬schicht, das Myelin, das die Nervenbahnen, die sich durch unseren Körper ziehen, umhüllt, beschädigt ist, kann die Verunsicherung groß sein“, sagt Bloggerin Heike Führ.

MS-Betroffene und ihre Partner haben zum Thema „Sexualität und MS“ Stellung genommen. Sie beschreiben, wie die MS mit ihren tausend Gesichtern die eigene Körperwahrnehmung und damit auch den Sex verändert hat und wie es ihnen gelungen ist, diese Veränderungen in etwas Positi¬ves zu verwandeln. Was ihnen geholfen hat? Vor allem über Sex zu reden, über den eigenen Körper und über das, was ihnen guttut und was nicht.

Habe ich noch Spaß am Sex? Habe ich überhaupt welchen?

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„Ja und ja! Der Spaß am Sex ist während der letzten Jahre nicht vergangen, hat sich aber etwas verändert“, berichtet Bloggerin Kerstin. „Kurz nach der Diagnose bekam ich ein Antidepressi­vum verschrieben, was das Verlangen nach Sex ein wenig dämpfte. Dieses nehme ich immer noch, jedoch nur noch einen Bruchteil der Dosie­rung von früher. Während ich das Medikament in voller Dosis nahm, flaute das Interesse am Sex ab. Mein Freund bemerkte das auch, ging aber sehr gut damit um.

Zusammen sprachen wir darüber, warum und wie­so das so ist und überlegten gemeinsam, wie wir das Ganze lösen könnten. Eine unserer Ideen war es, bei einer Shoppingtour schöne Unterwäsche für den anderen auszusuchen, uns die dann zu zeigen und auch anzuprobieren. Das hat für einiges an Span­nung gesorgt! Und wieder haben wir darüber ge­sprochen: Was gefällt uns am anderen? Und wieso?“

Sensibilitätsstörungen sind blöd, aber kein Hindernis

„Was mich auch noch beschäftigte, war die Frage, ob mich meine Sensibilitätsstörungen beeinflussen, auch im Vergleich von früher zu heute. Ich fühle an den Händen, am Bauch und am rechten Bein an manchen Stellen sehr wenig. Das Liebesspiel mit den Händen wurde damit etwas schwieriger, da ich öfter zu fest oder grobmotorisch agierte. Aber auch das haben wir durch gemeinsames Ausprobieren ganz roman­tisch aufeinander abgestimmt.

MEIN FAZIT: Wichtig ist vor allem die Kommuni­kation miteinander! Der Austausch ohne Hem­mungen und auf Augenhöhe hat unserer Sexuali­tät sehr geholfen! Falls in der Zukunft noch weitere Probleme auf uns zukommen, werden wir diesen Kurs weiter fahren!“

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Sex mit Einschränkungen

„So unterschiedlich wie die Menschen selbst, so unterschiedlich ist auch das Verhältnis zur Intimi­tät. Inwiefern spielt also ein Faktor wie die MS mit hinein? Als quasi „Außenstehender“ würde ich sagen: Nicht allzu sehr“, erzählt Marc, der Lebenspartner von Bloggerin Kerstin.

„Man muss allerdings auch dazu sagen, dass meine Partnerin glücklicherweise seit einigen Jahren dank der Medikamente stabil ist. Natür­lich gibt es Einschränkungen. Harnwegsinfekte sind beispielsweise oft ein Problem. Zusammen mit einer hin und wieder auftretenden Fatigue wirkt sich das natürlich auf die Häufigkeit von Sex aus.

Das Wichtigste ist die offene Kommunikation. Meine Partnerin hatte mir bereits beim ersten Treffen von der Krankheit erzählt … Somit kamen wir auch mit dem einen oder anderen Handicap gut zurecht. Sensibilitätsstörungen an den Handinnenflächen führten beispielsweise dazu, dass manuelle Befriedigung nicht immer so zärtlich wurde wie vielleicht geplant. Aber da ich im Vorfeld davon wusste, konnte ich entsprechend reagieren und gab Hilfestellung, wo ich konnte.

Ein anderer Punkt war die Austrocknung der Vagina. Wahrscheinlich jeder Mann wird früher oder später Paranoia bekommen, wenn die Partnerin mitten im Akt vom tropischen Regenwald zur Sahara während der Trockenzeit mutiert. Aber nach einem längeren Ge­spräch haben wir auch hierfür eine Lösung gefunden und ich bin dankbar, dass wir in einer Zeit leben, in der es Gleitgel in den verschiedensten Varianten gibt.

Die schönste Nebensache der Welt

 

MEIN FAZIT: Die einzigen Grenzen in diesem Bereich sind die, die man sich selbst setzt. Ja, körperliche und mentale Handicaps können einschränken. Aber es lassen sich für jede Situa­tion Alternativen finden oder Kompromisse schließen. Es ist wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass wir alle unsere eigenen Vorlieben und Abneigungen haben. Dinge, die wir gut und andere, die wir weniger gut können. Daher ist es wichtig, miteinander offen zu spre­chen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten“.

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