Interview

„Es gibt keine MS-Diät“

Trotzdem sollten ein paar allgemeine Regeln beherzigt werden

Du fragst Dich, ob Du durch Deine Ernährungsweise den Verlauf der Multiplen Sklerose beeinflussen kannst? Ja und Nein, sagt Privatdozent Dr. De-Hyung Lee, MS-Spezialist aus Erlangen. Eine direkte MS-Diät gibt es nach seinen Angaben nicht, durchaus aber Hinweise, dass einige Nahrungsmittel hilfreich sein könnten und andere besser zu meiden sind. Im Interview erläutert Dr. Lee, worauf MS-Patienten bei ihrer Ernährung achten sollten.

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MS persönlich: Herr Dr. Lee, gibt es eindeutige Empfehlungen zur Ernährung für Patienten mit Multipler Sklerose?

DR. LEE: Anders als beispielsweise beim Diabetes gibt es bei der Multiplen Sklerose keine einheitlichen Ernährungsempfehlungen, also keine spezielle MS-Diät. Es gibt andererseits aber durchaus Hinweise, dass bestimmte Nahrungsmittel bei der MS günstig sind, während andere eher ungünstig sind.

MS persönlich: Gibt es demnach Nahrungsmittel, die MS-Patienten meiden sollten?

DR. LEE: Aus Untersuchungen wissen wir, dass eine sehr salzreiche Kost negative Auswirkungen auf den Verlauf einer Erkrankung im Tiermodell, das der MS entspricht, haben kann. Es konnte auch gezeigt werden, dass Menschen, die sich sehr salzreich ernähren, mehr autoreaktive Immunzellen in ihrem Blut aufweisen. Das ist ebenfalls ein Hinweis darauf, dass eine sehr salzreiche Kost möglicherweise die MS ungünstig beeinflussen könnte. Dies passt zudem zu Beobachtungen, dass Menschen, die zum Beispiel in Regionen leben, wo sehr wenig Salz verzehrt wird, insgesamt seltener eine MS entwickeln als Menschen, die in Industrienationen leben und sich eher salzreich ernähren. Das bedeutet nicht, dass man quasi im Umkehrschluss den Krankheitsverlauf durch eine salzarme Kost positiv verändern kann. Hierzu gibt es keine Daten. Wir können deshalb zurzeit keine allgemeinen Empfehlungen zum Salzverzehr für Menschen mit MS aussprechen.

Die Zusammensetzung der Darmflora scheint für den Verlauf der wichtig zu sein.
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MS persönlich: Assoziationen werden immer wieder zu Vitamin D angeführt. Gibt es in dieser Hinsicht Empfehlungen zur Ernährung oder auch zur Substitution von Vitamin D?

DR. LEE: Dass eine Assoziation zwischen der MS und der Versorgung mit Vitamin D besteht, wird seit vielen Jahren diskutiert, nachdem man festgestellt hat, dass Menschen mit MS oft niedrige Vitamin D-Serumspiegel aufweisen. Man hat in Studien allerdings bislang nicht zeigen können, dass die vermehrte Aufnahme von Vitamin D – sei es über die Sonnenexposition der Haut, die Ernährung oder die Einnahme von Vitamin D-haltigen Präparaten – den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann. Die vorliegenden Daten sind widersprüchlich, so dass wir auch zu diesem Punkt keine einheitlichen Empfehlungen aussprechen können, zumal exzessiv hohe Vitamin D-Dosen möglicherweise aus gesundheitlicher Sicht auch problematisch sein können.

MS persönlich: Kann man denn durch die Ernährung die MS auch positiv beeinflussen?

DR. LEE: Eine wichtige Rolle spielen nach derzeitiger Kenntnis kurzkettige Fettsäuren bei der Ernährung, da sie das Mikrobiom, also unsere Darmflora modulieren können, die ihrerseits Einfluss auf das Immunsystem hat. Die Zusammensetzung des Mikrobioms scheint bei Autoimmunprozessen und damit auch bei der MS eine Rolle zu spielen. Durch den Verzehr faserreicher Kost, die reichlich kurzkettige Fettsäuren und insbesondere Propionat enthält, können wir den Anteil günstiger Bakterien im Mikrobiom steigern. Parallel dazu konnte im Tierversuch gezeigt werden, dass sich unter der Gabe von Propionat die Zahl der vor Autoimmunprozessen schützenden Zellen im Blut vermehrt. Ob die MS tatsächlich günstig beeinflusst wird, wissen wir leider noch nicht. In tierexperimentellen Untersuchungen ließ sich aber ein etwas milderer Krankheitsverlauf erreichen.

Günstig ist offenbar eine faserreiche Kost

MS persönlich: Welche Empfehlungen leiten sich daraus ab?

DR. LEE: Wir raten generell und insbesondere Menschen mit Multipler Sklerose aufgrund der vorliegenden Befunde zu einer faser- und ballaststoffreichen Ernährung. Man muss dabei jedoch beachten, dass auch eine solche Ernährung keinesfalls die medizinische Behandlung ersetzen kann. Diese bleibt nach wie vor sehr wichtig, um den Krankheitsverlauf zu bessern und Krankheitsschübe sowie die Entwicklung von Behinderungen zu verhindern. Generell abzusehen ist von einseitigen Ernährungsformen wie beispielsweise einer ketogenen Diät, da diese Mangelerscheinungen provozieren kann und wir bislang nicht wissen, inwieweit sich das möglicherweise sogar negativ auf die Multiple Sklerose auswirken kann.

Herr Dr. Lee, haben Sie vielen Dank für das Interview.

Privatdozent Dr. De-Hyung Lee über Multiple Sklerose
Bildquelle: Dr. De-Hyung Lee

 

 

Zur Person:
Privatdozent Dr. De-Hyung Lee ist Facharzt für Neurologie an der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Multiple Sklerose.

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