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Kognition – Wenn die geistige Beweglichkeit nachlässt

MS Symptome

Menschen mit MS klagen nicht selten über Einbußen ihrer geistigen Beweglichkeit. Die Veränderungen entwickeln sich im Allgemeinen langsam schleichend und sind oft kaum konkret zu erfassen. Auf jeden Fall sollte man frühzeitig mit seinem Arzt darüber sprechen, wenn man den Eindruck hat, dass die Denkprozesse sich verlangsamen. 
 

Wo habe ich die Brille eben hingelegt? Was wollte ich alles einkaufen? Wann hat mein Sohn Geburtstag? Habe ich meine Tabletten schon eingenommen oder nicht? Wir alle kommen immer wieder in Situationen, in denen wir uns solche Fragen stellen. Stress, eine momentane Unaufmerksamkeit oder auch Ablenkungen können die Ursache dafür sein, dass wir uns an Gegebenheiten, die wir ansonsten ganz selbstverständlich präsent haben, im aktuellen Moment nicht erinnern. 

Solche Reaktionen sind normal. Sie können jedoch belastend werden, wenn sie sich im Tagesverlauf häufen. Und sie können Krankheitswert erlangen, wenn Gedächtnisprobleme und Konzentrationsstörungen immer öfter zutage treten und zu einem relevanten Problem im Alltag werden. „Nach unseren Erfahrungen in der Praxis klagt im Lauf der Erkrankung etwa jeder zweite MS Patient über Schwierigkeiten, sich Dinge zu merken, also über eine auffällige, früher nicht da gewesene Vergesslichkeit und über das Problem, sich nicht über längere Zeit konzentrieren zu können“, berichtet Kathrin Betzinger, MS Nurse in einer MS Schwerpunktpraxis im niederbayerischen Bogen. 

Von kognitiven Leistungseinbußen sprechen die Experten in einem solchen Fall. Das bedeutet nicht, dass sich eine Demenz entwickelt. Es wird mit dem Begriff lediglich ausgedrückt, dass sich die Denkprozesse verlangsamen und der Betreffende geistig nicht mehr so rege ist und so agil reagiert wie bislang gewohnt. Charakteristisch für eine solche Situation sind Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Sie können sich im Alltag zum Beispiel dadurch bemerkbar machen, dass Probleme beim Lesen komplexer Texte auftreten und/ oder dass zunehmend Merkzettel geschrieben oder andere Erinnerungshilfen in den Alltag integriert werden müssen.

Die Weiterleitung von Signalen ist beeinträchtigt

Solche Phänomene können vielfältige Ursachen haben. Dass sie unter anderem auch im Zusammenhang mit einer Multiplen Sklerose auftreten können, ist wenig verwunderlich: Denn es handelt sich bei der MS um eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Konkret kommt es bei der Erkrankung zu Entzündungsprozessen an den Schutzumhüllungen (Myelinscheiden) von Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark. Damit besteht auch die Möglichkeit der Schädigung der Nervenzellen, was sich auf Denkprozesse auswirken und die geistige Leistungskraft beeinträchtigen kann. Denn dann können Signale möglicherweise nicht mehr so gut wie zuvor oder nicht mehr so schnell wie früher von Nervenzelle zu Nervenzelle weitergeleitet werden.1 

Anders als die motorischen mit der MS oftmals einhergehenden Beeinträchtigungen handelt es sich beim Nachlassen der geistigen Beweglichkeit nicht um eine sichtbare und damit offenkundige Veränderung. Das kann zur Folge haben, dass die Defizite oft lange Zeit unbemerkt bleiben.2 

 

„Wo habe ich nur meinen Schlüssel hingelegt?“

Das Denken wird langsamer

Hinzu kommt, dass sich ganz allgemein mit zunehmendem Alter die komplexen Denkprozesse verlangsamen. Das geht einher mit einer Verringerung des Hirnvolumens, der Fachmann spricht von einer Hirnatrophie.3 

Diese normalen Alterungsvorgänge scheinen bei einer Reihe von MS Patienten beschleunigt abzulaufen.3 „Man braucht deshalb aber keineswegs die Sorge zu haben, dement zu werden“, erklärt dazu Dr. Ulrich Kausch, der in Bogen eine MS Schwerpunktpraxis betreibt. Zudem ist nicht jeder Mensch mit Multipler Sklerose betroffen. Wenn sich jedoch im Einzelfall kognitive Defizite entwickeln, können diese laut Dr. Kausch den Patienten sowie seine Angehörigen und Freunde erheblich belasten. Denn durch die Veränderungen gehen die alltäglichen Aufgaben möglicherweise nicht mehr so gut wie gewohnt von der Hand. Der Betreffende kann sich oftmals vereinbarte Termine nicht mehr gut merken, er hat vielleicht auch Schwierigkeiten, eine längere Unterhaltung zu führen und kann seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf verschiedene Dinge gleichzeitig richten, also zum Beispiel Nachrichten schauen und nebenbei den Abwasch erledigen. „Dieses sogenannte Multitasking, also das Erledigen von mehreren Aufgaben gleichzeitig, fällt Menschen mit Multipler Sklerose, die kognitive Leistungseinbußen zeigen, zunehmend schwer“, sagt Kathrin Betzinger. 

Die Zusammenhänge zwischen der MS und der Entwicklung kognitiver Defizite werden seit einigen Jahren auf wissenschaftlicher Ebene erforscht. Es mehren sich dabei zurzeit Befunde, dass durch eine frühzeitige konsequente Behandlung der MS die Entwicklung der Hirnatrophie verlangsamt werden kann.3

Kognitive Defizite können viele Ursachen haben

Auf jeden Fall sollte man es mit dem Arzt besprechen, wenn man an sich bemerkt, dass sich Denkprozesse verändern, dass es schwieriger wird, aufmerksam zu sein, sich auf Vorgänge zu konzentrieren, sich Dinge zu merken und sich auf neue Situationen einzustellen. „Das muss nicht unbedingt an der MS liegen, sondern kann auch andere Gründe haben“, erläutert Dr. Kausch. Seinen Aussagen zufolge kann ein Mangel an Vitamin B12 eine solche Reaktion hervorrufen. Auch wenn der Betreffende deutlich zu wenig trinkt, wenn also der Körper nicht adäquat mit Flüssigkeit versorgt ist, kann sich das nach Dr. Kausch negativ auf das Denkvermögen auswirken. „Die Reaktionen können zudem Ausdruck einer Depression sein“, sagt der Neurologe. 

Solche Ursachen kognitiver Defizite sind vergleichsweise einfach zu behandeln, sei es durch die Gabe von Vitamin B, durch eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr oder eine antidepressive Behandlung. Kausch: „Es ist deshalb wichtig, nicht zu versuchen, die Defizite zu überspielen und so zu verbergen, sondern frühzeitig damit den behandelnden Arzt zu konsultieren“. Denn möglicherweise lassen sich die Veränderungen durch einfache Maßnahmen beheben. Auch wenn dies nicht der Fall sein sollte, macht es keinen Sinn, quasi den Kopf in den Sand zu stecken und das Thema zu tabuisieren. Denn, so Frau Betzinger, „man muss sich nicht für die Veränderungen der Denkprozesse schämen. Sie sind kein Problem der Intelligenz, sondern Ausdruck einer Verlangsamung der Informationsverarbeitung aufgrund der Erkrankung“.

Apropos

Mögliche Hinweise auf eine nachlassende geistige Regsamkeit

Kognitive Störungen entwickeln sich oft langsam schleichend. Folgende Phänomene können auf eine nachlassende geistige Regsamkeit hinweisen:4 

  • Früher nicht bekannte Probleme beim Lernen und Behalten neuer Informationen und eine verstärkte Vergesslichkeit 
     
  • Eine abnehmende Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen (Multitasking)
     
  • Schwierigkeiten, aufmerksam zu bleiben und sich zu konzentrieren, also zum Beispiel eine Fernsehsendung bis zum Ende zu verfolgen
     
  • Zunehmende Probleme dabei, schwierige Zusammenhänge und komplexe Situationen zu erfassen
     
  • Eine ungewohnte Scheu, sich auf neue Situationen einzulassen


Strategien gegen kognitive Defizite

Es gibt Strategien, dem Nachlassen der geistigen Beweglichkeit entgegenzuwirken. Hier einige Tipps aus dem Praxisalltag von Kathrin Betzinger:
 

  • Ähnlich wie sich körperliche Funktionen trainieren lassen, können wir auch unsere geistigen Fähigkeiten trainieren. Hierzu gibt es Trainingsprogramme in Form schriftlicher Aufgaben oder als computergestütztes Programm, erhältlich im Buchhandel oder im Internet.
     
  • Förderlich für die geistige Fitness sind Tätigkeiten, die das Denken anregen wie zum Beispiel das regelmäßige Lesen, der Theaterbesuch, das Musizieren und das Memory-Spielen mit den Kindern oder Enkeln.
     
  • Haben sich bereits Defizite ausgebildet, lassen sich die Beeinträchtigungen im Alltag mindern, zum Beispiel durch Merkzettel und durch spezielle Erinnerungshilfen, wie sie inzwischen auch per Smartphone durch Apps möglich sind. 

Quellen 

  1. DMSG: Was ist Multiple Sklerose? https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/was-ist-ms/ (Letzter Zugriff: 01.02.2017, 15.08 Uhr)
  2. https://www.dmsg.de/ms-kognition/kognitive_problem.html (Letzter Zugriff: 01.02.2017, 15.09 Uhr) 

  3. De Stefano N et al., CNS Drugs. 2014 Feb; 28(2): 147–56; 87: 93–99

  4. DMSG: Beeinträchtigungen bei MS: https://www.dmsg.de/ms-kognition/beeintraechtigungen.html (Letzter Zugriff: 01.02.2017, 15.18 Uhr) 

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